“Parent Elements”, technologische Lasagne und die Frage, ob wir eigentlich noch wissen, was wir da tun

Bring mir mal des Kabel mit! Ja, gerne - äh, welches?

„Wer hat sich diesen Scheiß eigentlich ausgedacht – und können wir das bitte einmal ordentlich machen?“

Heute wollte ich eine Buchungsseite für meine Massageliege bauen. Mehr eigentlich nicht.

Ein Bild. Ein bisschen Text. Zwei Auswahlmöglichkeiten. Acht Programme. Termin buchen. Fertig.

Irgendwann begegnete mir ein „Parent Element“. Und da war es vorbei.

Nicht mit der Buchungsseite, sondern mit meinem gedanklichen Aufenthalt bei HighLevel.

Denn plötzlich musste ich lachen und dachte: Moment mal. Irgendwann hat irgendjemand einen Computer gebaut. Dann haben Menschen angefangen, ihm Befehle zu geben. Dann brauchten sie Befehle für die Befehle. Dann Systeme, die diese Befehle leichter bedienbar machen. Dann Programme für diese Systeme. Dann Baukästen für diese Programme.

Und heute sitze ich im Jahr 2026 vor einem Bildschirm und erfahre, dass mein Header mit mir mitwandert, weil irgendein Parent Element offenbar beschlossen hat, sticky zu sein.

Himmelarsch.

Wie sind wir denn hier gelandet? Wir Menschen machen das ja gerne selber so!

Wir erfinden etwas. Das funktioniert.

Dann kommt etwas Neues dazu. Das bauen wir dran.

Dann braucht das Angebaute eine Schnittstelle zum Alten. Also bauen wir noch etwas dazwischen.

Dann versteht irgendwann kaum noch jemand das Ganze, also entwickeln wir eine hübsche Oberfläche, damit niemand mehr verstehen muss, was darunter passiert.

Und wenn die hübsche Oberfläche etwas nicht kann, öffnet sich für einen kurzen, verstörenden Moment der Vorhang.

Dahinter: HTML. CSS. JavaScript. Parent Elements. Child Elements. APIs. Schnittstellen. Plugins.

Eine technologische Lasagne.

Schicht um Schicht um Schicht.

Und wir nennen das Fortschritt.

Das Faszinierende daran ist: Wir könnten natürlich irgendwann sagen:

Leute. Stopp.

Wir haben hier inzwischen so viel Zeug übereinandergebaut, dass wir vielleicht einmal von vorne anfangen sollten.

Nur hängt inzwischen die halbe Welt daran.

Banken. Unternehmen. Behörden. Webseiten. Shops. Kalender. Buchungssysteme. Kommunikation. Infrastruktur. Milliarden von Geräten. Milliarden von Euro.

Also machen wir weiter: Eine neue Schicht oben drauf.

Und jetzt kommt KI…. Und ich dachte zuerst: Großartig!

Endlich muss ich diesen ganzen Quatsch nicht mehr verstehen.

Ich sage einfach:

„Ich möchte eine schöne Buchungsseite. Wenn jemand Wellness auswählt, sollen vier Programme erscheinen. Wenn jemand Tiefenwirksamkeit auswählt, vier andere. Danach Termin und bezahlen.“

Und die KI sagt: „Mach ich.“ Herrlich.

…bis mir auffiel:

Wir räumen den Salat damit ja überhaupt nicht auf.

Wir legen nur eine so komfortable Schicht darüber, dass wir den Salat nicht mehr sehen.

😂

Wir lösen die Komplexität womöglich gerade nicht, sondern legen eine so komfortable Schicht darüber, dass irgendwann fast niemand mehr weiß, wie das Zeug darunter funktioniert.

Das ist ein bisschen, als hätten wir über Jahrhunderte eine völlig irre Maschine gebaut, mit Zahnrädern, Schnüren und 14 verschiedenen Hebelsystemen. Statt sie irgendwann neu zu konstruieren, stellen wir jetzt eine KI davor und sagen:

„Sag der Maschine, ich hätte gern Kaffee.“

KI: „Erledigt.“

Mensch: „Super.“

300 Jahre später fällt die KI aus.
Menschheit: „Warum führt ein Seil vom Kaffeeautomaten nach Nebraska?“

😂

Vielleicht ist das überhaupt eine der seltsamsten Eigenschaften unserer Zivilisation.

Wir benutzen jeden Tag Dinge, die wir selbst nicht mehr herstellen könnten.

Ich fahre Auto und könnte keines bauen.

Ich schalte das Licht ein und könnte kein Stromnetz errichten.

Ich tippe einen Satz in mein Handy und habe keine Ahnung, was alles passieren muss, damit er zwei Sekunden später auf einem anderen Kontinent erscheint.

Unser Wissen steckt längst nicht mehr in einem Menschen.

Es steckt verteilt in Millionen Menschen, Maschinen, Büchern, Servern, Unternehmen und Systemen.

Und jetzt bauen wir etwas, das diesen ganzen gigantischen Wissenshaufen für uns bedienen kann.

Das ist fantastisch.

Und ein bisschen irre.

Vielleicht ist die spannende Frage deshalb gar nicht:

Was kann KI für uns erledigen?

Vielleicht ist sie:

Was müssen wir überhaupt noch so kompliziert machen?

Vielleicht sollte KI nicht nur lernen, unsere 400 Zeilen Code in drei Sekunden zu schreiben.

Vielleicht sollte irgendwann jemand fragen, warum wir für fünf Dinge auf einem Bildschirm überhaupt 400 Zeilen Code brauchen.

Vielleicht besteht Fortschritt manchmal darin, etwas Neues zu bauen.

Und manchmal darin, sich einen gewachsenen Haufen sehr lange anzuschauen und zu fragen:

Brauchen wir das alles wirklich noch?

Ich wollte heute übrigens immer noch nur meine Massageliege ins Internet stellen.

Jetzt denke ich über die technologische Entwicklung der Menschheit nach.

Auch schön.

Und diesen Text stelle ich jetzt selbstverständlich in genau das System, über das ich mich gerade wundere.

Ins INTERNET. 😂

Wo er irgendwo zwischen Servern, Protokollen, HTML, CSS, JavaScript und vermutlich einigen Parent Elements herumliegen wird.

Bis ihn jemand liest.

Vielleicht auf einem Gerät, von dem weder dieser Mensch noch ich erklären könnten, wie es eigentlich funktioniert.

Und vielleicht denkt dieser Mensch dann für einen kurzen Moment:

„Wer hat sich diesen Scheiß eigentlich ausgedacht – und können wir das bitte einmal ordentlich machen?“

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